Am 8. April verstarb unerwartet unser Gründungsmitglied und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, Herr Professor Dr. Dr. Eberhard Simons. Sein Tod betrifft uns sehr: Er hat das Nietzsche-Forum München durch mehr als 12 Jahre mit seinem Rat, seinen schöpferischen Inspirationen und der Kraft seiner Rede begleitet.
Unvergesslich bleiben uns seine Vorträge vor dem Nietzsche-Forum München in der Seidlvilla: „Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (15. 02. 1993); „´Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist´ Festvortrag zum 150. Geburtstag Friedrich Nietzsches“ (14. 10. 1994) beide abgedruckt in „Mit Nietzsche-Denken“, Band 1 der Publikationen des Nietzsche-Kreises München ; sodann seine vier Vorträge auf dem von ihm zusammen mit dem damaligen Nietzsche-Kreis München konzipierten Symposion: „Von der Unmöglichkeit oder Möglichkeit, ein Christ zu sein. Zur europäisch-abendländischen Freiheits- und Wertekonstitution“ (23.-25. 02. 1996) abgedruckt in Band 2 der Publikationen des Nietzsche-Forums München ; „Die Notwendigkeit der Konstitution des Subjektbegriffs in der Neuzeit, die Auflösung des Subjekts in der Moderne und die Frage nach dem Neuanfang“, Eröffnungsvortrag des Symposions: „Die Auflösung des abendländischen Subjekts und das Schicksal Europas“ (10. 11. 2000) abgedruckt in Band 3 der „Publikationen…“ ; und zuletzt: „Monotheismus und Zwangsgewalt“; Vortrag auf dem 6. Kolloquium des Nietzsche-Forums München: „Das Gottesverständnis und die Gewalt“ (11. 12. 2004); sein Beitrag: „Europäischer Kulturhorizont heute. Zur Voraussetzung gegenwärtiger Religionsauseinandersetzungen“ (Gesprächskreis 10./11. Februar 2001) findet sich in Sonderband 1 der „Publikationen…“: „Spuren des Religiösen im Denken der Gegenwart“.
In diesen Vorträgen und Gesprächen hat Eberhard Simons in unserem Kreis den philosophisch-dramatisch-freiheitlichen Impuls, um den es ihm ging, entfacht und weitergegeben. Umgekehrt hat er das Nietzsche-Forum München wertgeschätzt als eine Agora, ein Ort in der Tradition der alten Vernunftpraxis, wo gegen die immer stärker werdende Strömung einer weisheitslosen polit-interessen-gelenkten Ausbildungsmaschinerie ein lebendiges dialogisches Denken praktiziert und versucht wird, mit Nietzsche denkend, vielfältige Themen, zeitbezogen in Rede und Gegenrede zu erschließen, das Gesagte zum Austrag zu bringen, mit der Chance einer ganz persönlichen Auseinandersetzung für die Teilnehmer.
(Beatrix Vogel)
Eberhard Simons wurde 1937 in Chemnitz geboren und ist im Rheinland aufgewachsen. Nach dem Studium der Theologie, Philosophie, Ökonomie, Kunst- und Kulturgeschichte in München, Freiburg und Innsbruck, mit Studienaufenthalten in Frankreich, Italien und Griechenland folgten seine Promotion im Fach Theologie (1965, zu Karl Rahners Religionsphilosophie) und Philosophie (1967, zur „Philosophie der Offenbarung“). 1977 habilitierte er sich mit einer Arbeit über „Das expressive Denken Ernst Blochs. Kategorien und Logik künstlerischer Produktion und Imagination“ (publiziert 1983). Nach Lehrtätigkeiten und Professuren an der RWTH Aachen sowie an den Universitäten Münster, Witten-Herdecke und an der Humboldt-Universität zu Berlin, vertrat er Anfang der 80er Jahre an der Ludwig-Maximilian-Universität München eine Professur für Philosophie der Antike, seit 1987 als außerplanmäßiger Professor. 1998 war Simons maßgeblich an der Gründung der „Stiftung LebensÖkonomie“ beteiligt, die ihre Zwecke nun im „Institut für Wirtschaftsgestaltung“ verwirklicht. Bis zu seinem Tod hat er an der Gründung einer weiteren „Europäische Stiftung Neue Oikonomia für Wirtschaft und Kultur“ gearbeitet. Ziel beider Stiftungen ist die Forderung und Förderung des Dialogs zwischen Wirtschaft und Philosophie, die Etablierung philosophischen Führungswissens und europäischer Unternehmenskultur.
“Zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe hatte Simons zur Zeit seiner Habilitation („Das expressive Denken Ernst Blochs Kategorien und Logik künstlerischer Produktion und Imagination“, eingereicht 1978, veröffentlicht 1983) gefunden: durch künstlerisch-dialogisches oder, wie er später zu sagen pflegte, „freiheitlich-dramatisches Philosophieren“ im Menschen das Einzigartig-Schöpferische, zwischen den Geschlechtern und in den Familien neue, spannungsreiche Befreundungsverhältnisse, in der Gesellschaft das Schicksals- und Freiheitsgeschichtliche, in der Welt das Kosmo(s)politische zu erschließen. Gegen logische Einheitszwänge und institutionalisierte Zwangseinheiten setzte er die dramatische Fähigkeit des europäischen Logos, verschwiegene und unterdrückte Widersprüche bewusst zu machen, zu artikulieren und zum freien schöpferischen Austrag zu bringen. Denn, und das hat Simons immer wieder gezeigt, dieser freiheitlich-dramatische Austrag birgt eine heilende Dynamik. Es ist die Dynamik von Krisis und Katharsis, Verwandlung und Erneuerung.
In großartiger Weise beherrschte Eberhard Simons die Kunst der freien Rede: eine schwer zu beschreibende, einzigartige und mitreißende, manchmal auch provozierende Mischung aus lebendig-philosophischem Vortrag, theatralisch-rhetorischer Sprechweise, souverän-situativem Entwickeln bestechender Gedankenreihen, ungezwungenem Abschweifen ins Reich der Anekdoten eine Mischung, die meist zur Eröffnung neuer Denk- und Handlungsräume führte und genau das war, was Simons immer forderte: „produktives Sprach-Handlungs-Denken“. Und all das mit einer bewundernswerten philosophischen Heiterkeit, Ironie und Nonchalance. So lud er immer wieder einmal zu Ende des Semesters seine Studenten in die nahegelegene Ludwigskirche ein, um ihnen dort auf der Orgel Bach vorzuspielen bzw. musikalische Schöpfungswelten in ihren Ohren erklingen zu lassen.
Simons war ein Künstlerphilosoph, ein philosophischer Künstler. Die Tradition, in die er sich selbst stellte, ist mit den drei großen Namen Platon Hegel Nietzsche grob umrissen. Am meisten glich er wohl Nietzsche bzw. dessen spätem Ideal des „Dionysos philosophos“. Kein Zufall, dass er deshalb den Hegel´schen Satz (aus der Einleitung der „Phänomenologie des Geistes“): „Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist“ zu seinem Motto wählte und Platons tiefsinnigen Gedanken des „philosophischen enthousiamos“ als selbst- und welteröffnende Denkleidenschaft, als kosmogonisch-erotischer Logos, unter modernen Vorzeichen wiederentdeckte, weiterentwickelte und nicht zuletzt auch vorlebte.“
(Dr. Robert Josef Kozljanič)
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